Sustainable Management: Betriebliches Gesundheitsmanagement als Säule einer nachhaltigen Unternehmensführung

Im Gespräch mit Dr. Utz Niklas Walter: Er ist Experte für Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und Leiter des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG), das sich als Ausgründung von Wissenschaftlern der Universitäten Konstanz, München (TU) und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) auf Zukunftsthemen im BGM spezialisiert hat. Das IFBG setzt hier derzeit einige innovative Gesundheitsmaßnahmen mit Unternehmen und Behörden um und evaluiert diese wissenschaftlich. Der promovierte Sport- und Gesundheitswissenschaftler leitete zuvor die Arbeitsbereiche für Betriebliches Gesundheitsmanagement an den Universitäten in Konstanz und Karlsruhe.

 

11/09/2018 15:15 CEST | Aktualisiert 11/09/2018 15:15 CEST

 

Foto und Copyright: Utz Niklas Walter

 

Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Ich verbinde Nachhaltigkeit immer noch stark mit Umwelt- und Ressourcenschutz, was sicher an meiner ökologischen Erziehung liegt. Ich bin mit Mülltrennung groß geworden, habe Kuhmilch vom Biobauern getrunken und wurde in den 1990er Jahren bereits mit einem Elektrofahrzeug zum Sport gefahren. Insbesondere mein Vater hat mich geprägt. Im Rückblick staune ich, wie viele Trends er damals schon erkannt hatte. Heute wird der Begriff Nachhaltigkeit ja unterschiedlich definiert und fast schon inflationär benutzt. Für mich umfasst er nach wie vor in erster Linie das Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden sollte, als nachwachsen bzw. sich regenerieren kann.“

 

Weshalb gehören die Themen Nachhaltigkeit und Gesundheit zusammen und sind für Unternehmen und die Gesellschaft von so entscheidender Bedeutung?

Mein vorher genanntes Verständnis macht es nicht ganz einfach, Nachhaltigkeit und Gesundheit sinnvoll zusammenzubringen. Ich würde es mal so formulieren: Wenn wir als Unternehmen und Gesellschaft dauerhaft leistungsfähig bleiben wollen, müssen wir der individuellen Gesundheitsförderung einen hohen Stellenwert beimessen. Während man in der Politik häufig von Ressourcenschonung spricht, sprechen wir im Gesundheitskontext von Ressourcenstärkung bei gleichzeitiger Reduktion der Anforderungen. Das könnte man als nachhaltige Gesundheitspolitik bezeichnen.

 

Warum sollte die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) bzw. das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) Bestandteil einer nachhaltigen Unternehmensführung bzw. eines nachhaltigen HRM sein?

Trotz Digitalisierung und Roboterisierung wird der Mensch mit seinen Fähigkeiten für die meisten Unternehmen weiterhin unabdingbar sein. Der Erhalt seiner Leistungsfähigkeit steht daher auch in Zukunft an oberster Stelle. Eine nachhaltige Unternehmenspolitik hat in diesem Zusammenhang nicht nur die Krankheitskosten und die Produktivität im Blick, sondern auch Aspekte wie Mitarbeitermotivation oder Personalgewinnung. Hier wissen wir inzwischen, dass die Betriebliche Gesundheitsförderung ebenfalls positiv wirken kann.

 

Das Thema BGM bewegt die Unternehmen seit vielen Jahren. Wo stehen wir beziehungsweise die Unternehmen im Bereich BGM in Deutschland?

Während Unternehmen in den USA auch aufgrund der Unterschiede im Gesundheitssystem bereits vor der Jahrtausendwende kräftig in die BGF investiert haben, gab es diesen Schub bei uns erst in den vergangenen zehn Jahren. Inzwischen befassen sich auch schon kleine Mittelständler und staatliche Behörden mit dem Thema, junge Start-Ups sowieso. Insgesamt würde ich behaupten, dass Deutschland gemeinsam mit den skandinavischen Ländern, Großbritannien, der Schweiz und Österreich eine Führungsrolle in Europa einnimmt. Allmählich starten wir aber auch die ersten Projekte in Osteuropa, wo vielerorts ein anderes Gesundheitsverständnis vorherrscht. Hier stehen erst einmal Gesundheitsaktionen zur Sensibilisierung der Beschäftigten im Vordergrund, weniger strukturelle Veränderungen.

 

Was sind die Trends in der Betrieblichen Gesundheitsförderung?

Es gibt viele Trendthemen – auf unterschiedlichen Ebenen. In Anlehnung an unsere Zukunftsstudie „whatsnext – Gesund Arbeiten in der digitalen Arbeitswelt“, an der sich in diesem Jahr über 800 Unternehmen beteiligt haben, kann ich Ihnen ein paar Beispiele nennen. Zu den Trendthemen zählt u. a. die aufsuchende Gesundheitsförderung. Gemeint ist damit die Umsetzung von Gesundheitsmaßnahmen direkt an den Arbeitsplätzen und während der Arbeitszeit. Zudem werden digitale und spielerische Angebote an Zuspruch gewinnen. Dazu zählen bspw. Gesundheits-Portale oder Schrittzähleraktionen. Ein weiteres Trendthema ist Schlaf und Erholung. In den Bereichen Bewegung, Ergonomie und Ernährung sind viele Unternehmen bereits gut aufgestellt, nun widmen sie sich dem Schlaf. Neben der Einrichtung von Ruhezonen steigt auch die Nachfrage nach Schlafberatung für die Beschäftigten und Informationskampagnen.

 

Was sind die wesentlichen Erfolgsfaktoren bzw. Säulen eines nachhaltigen BGM?

Ein stärkeres Engagement der Führungskräfte ist der entscheidende Erfolgsfaktor für ein nachhaltiges BGM. 88 % der von uns befragten Unternehmensverantwortlichen sehen diesen Aspekt als eher notwendig oder sehr notwendig an, um das BGM erfolgreich weiterzuentwickeln. Auch an anderen Stellen unserer Studie wird die herausragende Rolle der Führung deutlich. Mit etwas Abstand folgen größere personelle Ressourcen und ein stärkeres Engagement der Unternehmensleitung (beide 73 %). Letzteres bezieht sich ja ebenfalls auf das Thema Führung. Aus eigener Erfahrung möchte ich noch hinzufügen, dass auch eine umfassende Bedarfsanalyse, eine fortlaufende Erfolgsmessung und eine zielführende Gesundheitskommunikation ganz entscheidend sind.

 

Sie haben die Kommunikation angesprochen. Können Sie deren Bedeutung etwas genauer erläutern?

Grundsätzlich wissen wir, dass eine unzureichende Kommunikationspolitik per se schon eine große Belastung für die Beschäftigten darstellen kann. Alleine deshalb ist es ratsam, die Belegschaft umfassend und rechtzeitig über Geschehnisse im Unternehmen zu informieren. In Bezug auf die BGF kommt noch hinzu, dass wir nur hohe Teilnahmequoten an Gesundheitsangeboten erreichen, wenn wir die Beschäftigten auch tatsächlich erreichen. Die tollsten Maßnahmen bringen uns nichts, wenn wir es nicht schaffen, sie vielfältig und innovativ zu verbreiten. In Anlehnung an Henry Ford könnte man auch sagen: „Wenn Du einen Euro in Dein BGM investierst, halte einen weiteren bereit, um das bekanntzumachen.“

 

Wie sieht die aktuelle Entwicklung beim Trendthema digitale BGF aus?

Rund um Gesundheits-Apps, Wearables und Gesundheits-Portale hat sich in den letzten zehn Jahren ein regelrechter Markt entwickelt. Digitale Anbieter konkurrieren mit klassischen Gesundheitsdienstleistern. Jeder kämpft um die meist geringen BGM-Budgets in den Unternehmen. Dieser Kampf hat jedoch etwas Gutes. Er hat dazu geführt, dass es immer bessere Lösungen gibt, insbesondere auch im Hinblick auf die wichtigen Themen Datenschutz und Datensicherheit. Feststeht: Die digitale BGF wird in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen – da sind sich auch die Unternehmensverantwortlichen weitestgehend einig. Wir sehen in dieser Entwicklung sowohl Chancen als auch Risiken.

 

Die Entwicklung einer Gesundheitskultur im Unternehmen ist eine große Herausforderung. Wie kann angesetzt und welches Ziel sollte verfolgt werden?

Die Entwicklung einer Gesundheitskultur im Unternehmen ist eine Mammutaufgabe. Ich will drei mögliche Ansätze nennen, die idealerweise parallel laufen. Eine Möglichkeit ist die fortlaufende Sensibilisierung und Qualifizierung der Führungskräfte bspw. mittels Workshops zum „gesunden Führen“ oder indem man das Thema Gesundheit in deren Zielvereinbarungen aufnimmt. Ein weiterer Ansatz ist es, bereits beim Nachwuchs anzusetzen. Die Jungen von heute sind die Führungskräfte von morgen. Spezielle Azubi-Fit-Programme oder ein Gesundheitsmonitoring ab dem ersten Ausbildungsjahr sind mögliche Maßnahmen. In Abstimmung mit Berufs- und Verwaltungsschulen ließen sich sogar schon vorher Konzepte zur Gesundheitsbildung umsetzen, die auf eine Stärkung der Gesundheitskompetenz (health literacy) ausgerichtet sind. Auf struktureller Ebene sollte ebenfalls angesetzt werden. Eine Verankerung von Gesundheit als zentrales Element der Organisationsentwicklung ist für die Etablierung einer Gesundheitskultur wesentlich.

 

Nach welchen Kriterien kann man die Wirksamkeit von BGM evaluieren und wie sehen wirksame Kennzahlensysteme aus?

Will man den Gesamterfolg eines BGM überprüfen, bietet es sich an, alle gesundheitsbezogenen Kennzahlen in einem BGM-Cockpit zusammenzufassen. Da reicht zu Beginn erst einmal eine einfache Excel-Liste aus. Auf die Weise behält man den Überblick und kann Fehlinterpretationen vermeiden. Wichtig ist, dass man sich grundsätzlich nicht zu stark auf den Krankenstand als Kennzahl fokussiert, da dieser durch externe Faktoren wie eine Grippewelle oder Angst vor Arbeitsplatzverlust stark beeinflusst werden kann. Außerdem sagt er nichts darüber aus, wie es den Beschäftigten tatsächlich geht, die tagtäglich bei der Arbeit sind. Schleppen sich diese regelmäßig krank zur Arbeit – wir sprechen in diesem Fall von Präsentismus – kann das ein Indiz für Kultur- oder Führungsprobleme sein. Ein verlässliches Kennzahlensystem berücksichtigt also auch den Präsentismus und weitere „weiche“ Kennzahlen wie Arbeitszufriedenheit oder Betriebsklima.

 

Was sind aktuelle und zukünftige Projekte Ihres Instituts?

Die Bedarfsermittlung, die psychische Gefährdungsbeurteilung und das Kennzahlenmanagement nehmen aktuell einen immer größeren Teil unserer Arbeit ein. Denn viele Unternehmen beschreiten den Weg von der klassischen Gesundheitsförderung hin zum wirklichen Gesundheitsmanagement. Zudem steigt mit jedem Euro, den die Geschäftsleitung in das Thema investiert, der Bedarf nach einer verlässlichen Erfolgsmessung. Darüber hinaus entwickeln wir aber auch gemeinsam mit Unternehmen innovative Maßnahmenkonzepte, die auch einmal verrückt sein können. Vom Turnschuhtag im eher konservativen Bankhaus über Schlafkonzerte für Führungskräfte bis hin zum Gesundheits-Flashmob in der Produktion. Letztlich geht es darum, immer wieder für Aufsehen zu sorgen, um das Thema Gesundheit langfristig in den Köpfen zu verankern.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

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