Agiles Management: Achtsamkeit, Kommunikation und Führung durch Tanzen

Im Gespräch mit Dr. Ann-Kristin Iwersen: Sie ist Autorin, SEO-Expertin und Dozentin. Zunächst studierte sie Philosophie und Ethnologie und promovierte 2011 im Fach Ethnologie. Berufsbegleitend studierte sie anschließend Germanistik und Klassische Indologie. Sie arbeitete viele Jahre als wissenschaftliche Begleitung und Projektmanagerin in sozialen Projekten zu den Themen Migration, Integration und interkulturelle Kompetenz, bevor sie sich dem Online-Marketing zuwandte. Von 2014 bis 2018 arbeitete sie im Online-Marketing-Team der Geschenke 24 GmbH. Seit 2013 ist sie mit AKIWERSUM selbständig im Bereich Texterstellung und – seit 2018 – Amazon SEO. Als Autorin schreibt sie unter anderem für KULTURA-EXTRA, Salsaland.de und Gründer.de. Ann-Kristin Iwersen lehrt ebenfalls an Hochschulen im In- und Ausland.

 

16/10/2018 15:25 CEST | Aktualisiert 16/10/2018 15:25 CEST

 

Foto: Oliver Reetz

 

Es gibt immer wieder neue Trends im Management. Beispielsweise werden Hunde und Pferde in Management-Trainings eingesetzt um Skills zu optimieren. In der modernen VUKA-Welt könnte auch das Tanzen als Live-Training mit Menschen dazu genutzt werden. Denn wer Tanz und Tänzer beobachtet, wird sensibilisiert für die Kunst der Achtsamkeit, Kommunikation und Führung, die sich hinter jedem guten Tanz verbirgt. Und von der Qualität dieser Faktoren hängt es ab, ob der Tanz gelingt - wie im Geschäftsleben auch. Tanzen bietet allgemein die Möglichkeit viel über den anderen und sich selbst zu lernen. Denn im Dreiklang zwischen Musik, Bewegung und zwei Menschen entsteht höchste Achtsamkeit und es erfordert Demut, Präzision und Einfühlungsvermögen - die Fähigkeit, Fertigkeiten zu erkennen und auszuschöpfen, aber auch Grenzen anzuerkennen und zu akzeptieren. Bei sich und beim anderen. Ebenfalls wird im Tanz besonders deutlich, dass Widerstand zu nichts führt - wenn die Richtung klar ist. Da das wunderbarste Tanzerlebnis im harmonischen Gleichgewicht mit dem Partner, losgelöst von Raum und Zeit, entsteht, entwickelt sich ein geschärfter Blick bzw. ein intuitives Gespür für Veränderungen, Stimmungen und das Umfeld, das nach dem Auftauchen aus der Musik wieder mit neuen Augen und klarem Blick wahrgenommen wird. Intensität und Weitblick wechseln einander ab. Balance, Harmonie und Wertschätzung entstehen.

 

Frau Dr. Iwersen, was heißt für Sie Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist ein leider sehr überbeanspruchter Begriff. Wer schon mal Drittmittel akquiriert hat, weiß, dass man ständig irgendwelchen Institutionen gegenüber nachweisen muss, dass das eigene Projektvorhaben nachhaltig sein wird. Sonst gibt’s halt kein Geld. Also werden mit viel Erfindungsreichtum zweifelhafte „Nachhaltigkeiten“ kreiert, denn eigentlich weiß man meistens im Vorwege natürlich nicht so ganz genau, was am Ende herauskommt und ob das dann – im eigentlichen Sinne – nachhaltig sein wird. Das hat den Begriff leider stark verwässert.

Für mich persönlich ist Nachhaltigkeit im eigentlichen Sinne schlicht das Gegenteil eines kurzfristigen Effekts. Wenn ich heute den ganzen Plastikmüll aus dem Ozean fische, dann ist das solange nur ein kurzfristiger Effekt, wie damit nicht ein grundsätzliches Umdenken einhergeht und wir das Entstehen von Plastikmüll überhaupt vermeiden – und möglichst durch etwas ersetzen, was nicht langfristig ebenso verheerende Folgen hat. Erst das ist dann nachhaltig.

 

Was hat Nachhaltigkeit mit Tanzen zu tun, und wie kann Tanzen die Lebensqualität nachhaltig verbessern?

In dem gerade genannten Sinne. Menschen, die gerne und regelmäßig tanzen – und gemeint ist das im Sinne des Erlernens eines bestimmten Paartanzstils –, werden auf verschiedenen Ebenen positive Effekte feststellen. Man ist in Bewegung und steigert seine Fitness, fühlt sich dadurch körperlich besser. Tanzen ist ein Weg, um nach der Arbeit abzuschalten; das schafft einen wertvollen Ausgleich, der sich wiederum positiv auf die Leistungsfähigkeit auswirken kann. Tanzen steigert aber auch die Körperwahrnehmung und die Interaktionsfähigkeit. Wer tanzt, tanzt ja nicht alleine. Da ist zum einen der Partner, zum anderen sind da auch die anderen Menschen auf der Tanzfläche. Das verbessert zum Beispiel die Achtsamkeit. All das sind Dinge, die nicht auf die Domäne des Tanzens beschränkt bleiben, sondern in andere Bereiche unseres Lebens hineinwirken. Gerade die sozialen und mentalen Kompetenzen, die man beim Tanzen erwerben kann, verlieren sich nicht so schnell wieder, wenn sie einmal „verkörpert“, verinnerlicht sind, auch wenn man dann irgendwann aufhört zu tanzen. In dem Sinne kann Tanzen nachhaltig sein.

Allerdings: Wenn man einmal zu einem Tanzstündchen geht und sich dabei großartig fühlt, ist das schön und gut – und sowas muss auch mal sein. Nachhaltig ist es aber ganz sicher nicht.

 

Weshalb sind Lebendigkeit, Achtsamkeit, respektvolle Kommunikation und Balance gerade für Top-Führungskräfte so wichtig?

Ganz einfach: Menschen arbeiten besser, wenn sie sich gut behandelt, respektiert und wertgeschätzt fühlen. Lebendige, „authentische“ Menschen inspirieren. Natürlich sind wir heute sowieso alle immer ganz authentisch, das ist ja auch so ein Zauberwort unserer Gegenwartskultur. Aber im Kern ist damit doch vor allem gemeint, dass ein Mensch ehrlich, offen und zugänglich ist und in sich selbst ruht. Menschen, die in diesem Sinne authentisch sind, reagieren positiv auf konstruktive Kritik, hören andere an und geben auch ehrliches, aber sachliches Feedback. Das ist die Grundlage für Vertrauen am Arbeitsplatz. Und in einer vertrauensvollen Atmosphäre machen erfahrungsgemäß alle ihre Arbeit lieber und besser. Eine gute Führungskraft muss aber nicht nur selbst achtsam, lebendig, authentisch sein – sie muss ihre Mitarbeiter inspirieren können, selbst achtsam und authentisch zu sein. Das ist, denke ich, die Kunst.

 

Wie können Führungskräfte bzw. Führungspersönlichkeiten vom Tanzen profitieren?

In vielerlei Hinsicht. Da Tanzen immer harmonische Interaktion mit anderen Menschen erfordert, steigert es die Achtsamkeit. Wenn man sich auf der Tanzfläche nicht achtsam verhält, stößt man ständig zusammen oder tritt einander auf die Füße. Natürlich sind das bis zu einem gewissen Grade internalisierte Prinzipien, mit denen wir beispielsweise auch auf der Straße wissen, wie wir es schaffen, nicht ständig andere Passanten anzurempeln. Beim Tanzen kommt man mit dieser alltäglichen Kompetenz jedoch unter Umständen recht schnell an seine Grenzen. Es geht dann darum, aktiv und bewusst zu antizipieren, wie die Bewegungsdynamik des Partners und anderer Akteure auf der Tanzfläche ist und so die eigene Sensibilität für diese Dinge zu schärfen. Achtsamkeit darf man hier jetzt also nicht mit dem buddhistischen Begriff gleichsetzen. Natürlich kann und darf man auch in jenem Sinne achtsam tanzen, gemeint ist aber primär eine geschärfte Aufmerksamkeit für Interaktionen, eine geschärfte Beobachtungsgabe. Das ist immer eine nützliche Kompetenz, die sich meist ganz automatisch auch auf andere Lebensbereiche überträgt. Voraussetzung ist natürlich immer ein wacher, lernwilliger Geist.

Beim Tanzen sind natürlich immer auch spezifische Führungsqualitäten erforderlich. Wer beim Tanzen führt, darf den Partner oder die Partnerin nicht einfach bloß umherschubsen – das funktioniert meist schlecht, und sieht jedenfalls nicht gut aus. Wer ernsthaft an seinen tänzerischen Führungsqualitäten arbeitet, kann da auch etwas für seine berufliche Führungsrolle mitnehmen und lernen, auch dort vorausschauender, umsichtiger und rücksichtsvoller zu agieren. Die Voraussetzung dafür ist aber immer die grundlegende Einsicht, dass es etwas am eigenen Stil zu verbessern gibt. Wer sich stets bedingungslos großartig findet, wird im Zweifel beim Tanzen auch immer finden, dass die Schuld beim Partner zu suchen ist.

Es gibt natürlich auch den gegenteiligen Fall: Menschen, die führen sollen, aber gar nicht richtig wissen, wie. Wer beim Tanzen in der Führungsposition keine klare Richtung kommuniziert, wird auch nur Verwirrung und Gestolper ernten. Welche Richtung und nächsten Schrittfolgen getanzt werden sollen, kann man dem Partner – natürlich non-verbal – kommunizieren lernen. Gelingt das allmählich, kann das auch das Selbstbewusstsein steigern und helfen, im beruflichen Umfeld etwas beherzter Entscheidungen zu treffen und klar zu kommunizieren, wie beispielsweise die Vorgehensweise bei einem Projekt ist und wer welche Rolle hat.

Leider ist es ja so, dass diese Lernoption weitgehend den Männern vorbehalten zu sein scheint, denn im klassischen Paartanz führt eben normalerweise immer der Mann. Es gibt aber mehr und mehr Kursangebote, wo diese Strukturen aufgelöst werden – zum einen ganz bewusst, zum anderen auch durch den chronischen Frauenüberschuss.

 

Sollte Tanzen auch im Rahmen eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) eingesetzt werden?

Prinzipiell spricht meines Erachtens erst einmal nichts dagegen. Erfahrungsgemäß gibt es viele Menschen, denen es Spaß macht, sich zu Musik zu bewegen, selbst wenn sie ansonsten eher unsportlich sind. Wenn Tanzen ein Mittel sein kann, um jemanden, der sich sonst gar nicht bewegt, zu motivieren, etwas für seinen Körper zu tun, dann ist das doch gut. Die positiven mentalen Nebeneffekte des Tanzens habe ich ja bereits erwähnt. Wichtig ist aus meiner Sicht aber der Aspekt der Freiwilligkeit und Selbstbestimmtheit– nicht nur der formalen, sondern auch der realen. Erstens müssen Menschen die Wahl haben, nicht zu tanzen, sondern einem anderen Angebot den Vorzug zu geben. Und es muss eine Atmosphäre gegeben sein, in der es okay ist, nichts davon zu tun. Da wären wir dann wieder bei dem guten Miteinander, zu dem eine gute Führungskraft inspirieren muss.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

T: +49 (0) 9373 5938067

M: +49 (0) 151 41272860

jp@sutron.de

Copyright by SUTRON 2019